gewalt ist keine lösung / und das soll sie auch nicht sein

… hätte WordPress nicht dieses hübsche „7 Entwürfe!“-Dings, könnte ich schon gar nicht mehr zählen, wie viele Texte wir angefangen und verworfen haben.

Eigentlich lassen sich all diese Texte auch ganz gut in einem Wort zusammenfassen.
Nämlich ARGH.
Oder: VERFICKTE SCHEISSE, aber das sind zwei Wörter, und wir sind ja so diplomatisch und lieb und nett und ommm.

Beim Jahresendgespräch im Dezember hatte man sich ja darauf geeinigt, dass der Betrieb dringend offene Kommunikation braucht. Ja, machen wir, danke für die Rückmeldung, alles fein, und natürlich können wir dich im Büro einsetzen, da gibt es auch ganz viel zu tun, du musst einfach proaktiv fragen.
Im neuen Jahr angekommen, am … 7.? nachgefragt. „Diese Woche steht noch dieses und jenes an, aber nächste Woche kann ich dich einplanen.“ Am Montag darauf immer noch nichts. Nachgefragt. Daraufhin wurden wir für gestern und diesen Freitag eingeplant.
Sonntagabend kam dann: hi, du musst morgen doch nicht kommen.
Ich: super, danke fürs Bescheid geben. Kann ich dann wann anders da sein, um auf meine Stunden zu kommen?
… äh, also, der Soundso braucht gerade Stunden und ist deswegen im Büro, und überhaupt, und man ist ja wieder in Kurzarbeit, und da haben die Festangestellten Vorrang…
Hätte ich nicht nachgefragt… hätte ich nicht mal erfahren, dass wir wieder in Kurzarbeit sind und es so knapp ist, dass Soundso, der angeblich jahrelang „zu doof“ fürs Büro war, genau da jetzt eingesetzt wird.
Offene Kommunikation my ass.
Ich: okay, das wusste ich nicht mit der Kurzarbeit (woher auch). Wenn es weiter so eng aussieht, könnt ihr mir dann vielleicht ein Zwischenzeugnis ausstellen, falls ich Bewerbungen schreiben muss?
– „äh hm also, dass es so schlecht aussieht, hat mit dem Dezember gar nichts zu tun, und dein Zwischenzeugnis kannst du selbst schreiben, ich schau dann drüber.“
(…)
Heute ist mir aufgefallen, dass man ja noch nicht über die Schicht am Freitag geredet hatte. Im Kalender ist für Freitag nichts mehr, dafür aber acht Stunden Baumfällung am Donnerstag.
Kurzes innerliches „wollen die mich verarschen“, weil… man hatte ja explizit nach Büroarbeit gefragt, weil bei nasskaltem Wetter die Gelenke zicken, und hatte auch gesagt, dass Dienstag bis Donnerstag Vorlesungen sind. Also – äh.
Sehr diplomatisch und freundlich gefragt, was zum Fick das soll ob der Freitag auch nicht steht, und was das mit dem Donnerstag da soll, und wenn man am Freitag nicht im Büro ist, gibt‘s vielleicht Alternativen, weil… ähm.
… „oh, das mit dem Donnerstag war ein Versehen, dass du da noch eingetragen bist, das hatte Chefin vergessen.“ – okay, hatte ich mir schon gedacht, passiert.
“… und eventuell habe ich mich wohl missverständlich ausgedrückt, eigentlich haben wir momentan keine Stunden für dich. Kollege 1 und 2 arbeiten schon weniger, Soundso ist im Büro, und du bist nicht festangestellt. Du kannst dir aber gerne ein gutes Zeugnis schreiben.“
Ach so.
Ja dann.
Aber im Dezember noch eine Zusage wollen, dass ich nicht kündige..?
(…)
Oh, ja, danke, dann weiß ich Bescheid, liebe Grüße.

Das macht mich teilweise so wütend, im Vergleich dazu kann ich mit einer Freundin stundenlang über antisemitische Parolen und BDS-Scheiße reden, und ich bin tie-fen-ent-spannt. (Über sie ist die Faszination mit K.I.Z. übrigens auch wieder aufgewacht. Es tut mir sehr leid.)
Ich nehme die Wut und löse sie in Luft auf. Weiter lächeln. Weiter ungläubig gefragt werden, wie man so verdammt diplomatisch und freundlich bleiben kann.

Manchmal verfasse ich Anschreiben und möchte schreiben „ich bin 1 sehr guter Mitarbeiter, weil Leute können mir die größte Drecksscheiße erzählen, und ich werde lächeln und sie höflich darum bitten, ein bisschen zu differenzieren und zu schauen, wie sie emotional zu dem Thema stehen. Vermitteln und zwischen die Fronten geraten kann ich auch super. Sie müssen keinen psychologischen Dienst für sich selbst oder ihr Team einstellen, das mach einfach ich. Oh, und wenn mir ein Thema am Herzen liegt, reiß ich mir den Arsch auf und tue alles Mögliche, was nicht in der Jobbeschreibung steht, haha, ich freue mich auf Ihre Rückmeldung“.

Am Donnerstag wollte sich der Mensch vom ersten Jobinterview melden. Am Montag kann man sich bei einem Laden vorstellen, der jemanden für social media sucht. Die Dame dort hatte geantwortet, dass man gerne vorbei kommen könne, aber sie haben so viele Studis, die sich bewerben, und wenn sie sich unseren Studiengang und die aktuelle Arbeit anguckt… ob man denn nicht Bock hätte, bei ihr erst einmal im privaten Garten zu arbeiten? So Bäume schneiden und so?
Ich übersetze: ob man bei ihr schwarz arbeiten will. Ohne wirkliche Ausbildung, Fachkenntnisse, und von Werkzeug ganz zu schweigen. Und jetzt geht es nicht mal darum, dass alleine Bäume schneiden je nach Baum ein fucking Arbeitsrisiko ist, man je nach Baum eine Heckenschere oder Kettensäge braucht, und dass man für Kettensägen einen Führerschein benötigt. Was wir alles nicht haben. Also – äh?!
(Hab das Angebot dankend abgelehnt und geschrieben, dass man Menschen mit dem nötigen Fachwissen kennt und da nachfragen könnte, und sie ansonsten gerne an den jetzigen Betrieb verweisen würde.)

Der Herzmensch und wir sind beide gestresst, gereizt, rasseln immer wieder aneinander. Ich habe Angst vor mir, weil wir normalerweise unglaublich geduldig und diplomatisch und lieb sind, und es immer wieder Momente gibt, in denen das… sehr schwierig ist. Es macht mir Angst. Manchmal möchte ich ihn (oder das Handy) metaphorisch aus dem Fenster werfen, manchmal heule ich fast auf Miss Zitrones Couch. Es geht ihm nicht gut, und die Gesamtsituation ist … joah, da ist halt so ne Pandemie, ne?
Normalerweise schaffen wir es ganz gut, für einander da zu sein, aber ich glaube, gerade fühlen wir uns beide nicht genug gesehen, und ich möchte schreien. Weil ich eigentlich ganz ganz ganz viel Nähe und Unterstützung brauche. Er auch. Beziehungsweise braucht er eigentlich mehr als ich gerade. Wären wir beide Pflanzen, würden wir versuchen, uns gegenseitig zu gießen, während wir selbst austrocknen. Oder so. Nur dass er in einer Dürresituation ist, und ich eben nicht, und ich sollte fucking Prioritäten setzen, und dann mache ich mich dafür fertig, nicht genug für ihn da zu sein, und wir motzen uns gegenseitig an und wieder von vorn.
Am liebsten würde ich uns beide packen und ne Woche weg fahren. Nur wir zwei. (Und der Hund.) Nichts, was von außen rein kracht, keine Existenzängste, weil beide Jobs auf der Kippe stehen beziehungsweise in meinem Fall schon längst von der Kippe gehopst sind.
Verfickt nochmal Ruhe.

Oh, und in fast exakt vier Wochen steht die erste Klausur an. Wir haben uns einen Lernplan erstellt, der theoretisch sehr machbar und okay ist. Mit enthalten ist das Lernen für die anderen beiden Klausuren im März, aber theoretisch kann man das Lernen dafür auch auf „nach Chemie“ verschieben. Man hangelt sich also mit Puffern und allem durch. (Höhö. Puffer. Pufferlösungen…)
Auch mit „nur“ drei Klausuren ist zumindest die Chemie-Prüfung die, die eigentlich unsere gesamte Aufmerksamkeit braucht, aber ich weiß nicht, wie ich das machen soll. Wäre da „nur“ die Uni, würde das alles wunderbar hinhauen, aber… um uns herum explodiert alles.
Ich versuche mich darauf zu verlassen, dass unsere „wenn du das alles machst, bist du gut“-Ansprüche wieder mal zu hoch gesteckt sind und es reicht, wenn wir nur… 60 Prozent unseres Lernplans schaffen. Oder… einfach nur bestehen, wenn gar nichts mehr geht.

Die Systemarbeit und das „oh, da war ja noch Trauma, upsi“ beschränken sich auf Yoga und Schadensbegrenzung. Ich weiß, dass das nicht gut ist und wir gerade angefangen haben, so richtig „gute“ Ansätze zu finden, mit denen man arbeiten kann. Aber wir haben keine Kapazitäten dafür. Von daher gibt es Yoga für den Körper, in der Hoffnung, dass es auch weiter hinten ankommt.

In meinem Kopf kreisen worst case-Szenarien und Angstspiralen: „Was, wenn wir keinen Job finden und das Studium nicht finanzieren können. Was, wenn wir noch ein Studium abbrechen müssen. Was, wenn wir nicht genug für den Herzmenschen da sind. Was, wenn…“, und etwa siebzig Prozent davon sind „ich bin nicht genug“-Traumadenken. Traumadenken macht unentspannt. Unentspannt sein erschwert Jobsuche und Beziehungskrams und Lernen. Was wiederum die Angstspiralen füttert.
Am liebsten würden wir uns ausschließlich auf Beziehung und Studium konzentrieren, aber von Luft und Liebe und bruchstückhaftem Ersti-Fachwissen kann man halt auch nix bezahlen.
Also schreiben wir Bewerbungen und versuchen, nicht die ganze Zeit innerlich zu schreien, weil gerade einfach alles… doof ist. Zwischendurch bin ich selbst fürs Wütendsein zu müde und bin einfach nur… genervt.
Und müde.

„Ich wäre eher besorgt, wenn es euch gut gehen würde“, hatte Ivy vor ein paar Wochen (und gestern wieder) gesagt.
Die Gesamtsituation ist nicht gut. Es ist valide, dass es uns nicht gut geht. Es ist valide, dass wir an unsere Grenzen stoßen, aber ich mag nicht. Ich will nicht so sein.

Und ja, vielleicht sitze ich hier in ein paar Tagen und erzähle begeistert von einer Jobzusage und geplatzten Knoten in Chemie, womit sich so achtzig Prozent unserer Probleme in Luft aufgelöst hätten. Aber gerade sind wir einfach sehr… schmerzig, und alles ist blöd.

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wir machen eure kids kaputt wie heidi klum
mit frauenfeindlichem, antisemitischen dreck
leute denken, wir hätten was aus der bibel gerappt
rap über hass, das ist mein gebiet
ich rappe über hass in fast jedem lied
rap, rap über hass, das ist mein gebiet
gewalt ist keine lösung

und das soll sie auch nicht sein
– K.I.Z. – rap über hass

klopf, klopf, lass mich rein / lass mich dein geheimnis sein

Memo @ Hirn: eine Runde durch das Schlafzimmer hüpfen, dehnen, hüpfen, … und dann 2-3 Tropfen fünfprozentiges cbd-Öl vorm Einschlafen. Es wirkt. Zumindest hat es das die letzten zwei Nächte getan.
(Vorab: dieser Post könnte ein bisschen… überschwänglich sein. Bisschen sehr. Sorry.)

Das Einschlafen ist immer noch nicht „einfach“, das nicht. Es gibt Widerstände, Anteile, die versuchen, so lange wie möglich die Augen auf zu halten, Schuldgefühle, dies das, und wir sind dem Herzmenschen unfassbar dankbar fürs Dableiben… aber wir schlafen. Tief. Und vor allem… 7.5h Schlaf haben heute gereicht. BÄMS.

Ein bisschen wollte ich weinen, weil… ich weiß halt wirklich nicht, wann das das letzte Mal der Fall war, dass wir morgens so energiegeladen waren. Wir sind noch nicht ganz auf „normal“-Level, und bis zum Mittag gab‘s auch zwei Tassen Schwarztee mit Mandelmilch. In der wunderbaren Venti-Tasse von Starbucks, die man in einer „zu verschenken“-Box mal gefunden hat… sehr viel viel Liebe für diese Tasse. Sehr viel. Sie fasst über 500 Milliliter und ich lebe für große Tassen.
Der Unterschied ist wie Tag und Nacht. Gestern standen wir in der Küche und schliefen fast im Stehen ein (unser Körper kann das. sehr gut.), heute klappte eine Dreiviertelstunde Aufräumen, Spülen, Altglas wegbringen. Tadaaa!
Und denken können wir auch wieder. Halleluja.

Heute war die Betreuerin vom Herzmenschen da, der Kühlschrank ist wieder voll (sehr viel Liebe, again), und der Hund freute sich über die Streicheleinheiten.
Man muss nämlich wissen, dass der Hund in diesem Haushalt nicht geliebt wird.
Von niemandem.
Gar nicht. Das Einzige (!), was ihr ansatzweise das Gefühl von Liebe gibt, sind die Hühnchenstreifen von Ivy aus dem Lettland-care-Paket, und selbst das ist noch zu wenig.
… zumindest käme so ungefähr das als Antwort, wenn man den Hund fragen würde…
(Ist ja nicht so, als hätte sie sich eben mit mir ein burger patty geteilt…)

Am Wochenende sieht man vermutlich kurz die Schwiegermutter, und abends wollten wir mit Miss Zitrone den Rest vom Weihnachtsgeschenk des anderen Nachbarn … konsumieren? Der Herzmensch und ich hatten das schon alleine angetestet, und liebe Güte, sagen wir es so… Wenn der Nachbar so gut wie täglich den Hausflur zu einer hot box werden lässt und das nach eigener Aussage als Genussding/Hobby betreibt, kann man ihm schon vertrauen, wenn er sagt, passt auf, das ist gut.
Ich bin… gespannt auf Runde 2, und ziehe in Erwägung, das Ganze je nach Stimmung/„Zustand“ ein bisschen für Kommunikation mit denen „hinten“ zu nutzen. Mit Absprache, selbstverständlich, um Situationen in Richtung „was zum Fick ist mit dem Körper los, hat man uns unter Drogen gesetzt, …“ zu vermeiden. Vielleicht erreicht man so eher etwas… Oder schafft es, ein paar Stolperfallen zu umgehen. Die, um die es geht, wären nach eigener Aussage „vorsichtig-neugierig“. Was mehr ist als das übliche „mit euch reden wir nicht“.
Hm-hmm.
Ich bin auch gespannt, ob das Problem jetzt tatsächlich „mal eben so“ gelöst wird, oder ob da noch was kommt. In Symptomverschiebung und subtilem Hin und Her sind wir ja Meister… (Oder auch: warum die Betreuerin vom Herzmenschen den Termin bei der Endokrinologin ausgemacht hat… ähm.)
Wir werden sehen… Ich hoffe einfach, dass sich das mit Kommunikation, Absprachen und Vorsichtsmaßnahmen abfedern lässt.

Möchte nämlich transition, VPÄ, Studium und Job, ohne dass mir die alte Scheiße dazwischen grätscht. Und den Herzmenschen behalten, bitte danke, und irgendwann heiraten, und überhaupt.
Naja… und spätestens nach der VPÄ können wir ja die Therapeutin hier nochmal kontaktieren, die mit uns über den Fonds arbeiten würde. Die wirkte… gut. Ein bisschen beängstigend, weil sie viel „sieht“, aber gut. Auch, wenn sie keine Ahnung von Transidentität hat/te, und meinte, wenn wir nicht gesiezt werden möchten, müssten wir sie umgekehrt auch duzen. Das war nach acht Jahren KJP-„Machtgefälle“ seeeehr seltsam…

Dieser Text ist übrigens schon seit über einer halben Stunde fertig. Normalerweise nutzen wir einfach den aktuellen Ohrwurm als Titel, aber mein „du weißt genauso gut wie ich, dass ich nicht schlafen kann“ von Oomph! war irgendjemandem nicht genehm…? Ähm ja.
Also der Klassiker. What did I even expect… (Kommunizieren wir jetzt über Fotos und Songtexte? Echt jetzt? Und was ist eigentlich aus meinem „dieser Blog wird nicht so krass dramatisch“-Vorhaben geworden?)

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Links, rechts, geradeaus. Du kommst hier nicht mehr raus. Links, rechts, geradeaus. Du kommst hier nicht mehr raus. Der Wahnsinn hat mich eingesperrt und deine heile Welt verzerrt. Hat sich in deinen Kopf gepflanzt – lauf‘, Kind, lauf‘, so schnell du kannst. Du weißt nicht mehr, wer du bist. Du weißt nicht mehr, was Liebe ist. Dein Spiegelbild hat sich entstellt, niemand ist hier, der zu dir hält. Klopf, klopf, lass‘ mich rein, lass‘ mich dein Geheimnis sein. (…) Links, rechts, geradeaus. Du bist im Labyrinth. Keiner kann dir sagen, wer die Guten und die Bösen sind.
– Oomph; Labyrinth

i should be at church / but i’m raging on a sunday

“ich bin mir nicht sicher, woher genau das hier kommt. manche wollen zurück, manche haben angst davor. manche sehen den blog als zu gefährlich an bzw. den kontakt mit den menschen dort. (…) ich persönlich finde es äußerst … suboptimal, sich “empowernde” dinge wie blog & kontakt zu anderen betroffenen so verbieten/einschränken zu lassen, nur weil das tätern gefährlich werden könnte. andere wiederum argumentieren, täter könnten uns mithilfe des blogs finden. ganz ehrlich… das halte ich auch bei 100 aufrufen am tag für absurd.
das studium und das ziel, mithilfe des studiums einen gutzahlenden job zu finden – die medizinische und legale/juristische transition – das vermeiden autodestruktiver verhaltensweisen –
das alles wird als bemühen um selbstständigkeit gesehen. das ist etwas, was tätern nicht gefällt. die wollen fehlende zukunftsperspektiven, einen geschwächten körper, unselbstständigkeit. dann ist es einfacher, von einer rückkehr zu überzeugen.”
– die autorin des geschützten beitrags gestern, als man sich mit dem notizbuch hinsetzte und tatsächlich mal nachfragte, warum die schlafstörung wieder da ist.

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I should be at church but I’m ragin‘ on a Sunday
Lot to confess, fuck it, worry ‚bout it some day
Baptizin‘ the crowd ‚cause they lookin‘ pretty thirsty
(Save me from myself and take me to the promised land)

– bohnes; raging on a sunday

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“Frag doch mal nach”, hatte der Herzmensch gesagt.
Es kam mir erst ein bisschen bescheuert vor, bei “so einer Lappalie” nachzufragen, ob im Hintergrund etwas läuft. Das bisschen schlechte Schlafqualität? Pf.
Wäre da nicht die Tatsache, dass wir im November/Anfang Dezember drei Vorlesungen am Tag zwar unfassbar viel fanden… aber wenigsten alle drei Vorlesungen mitnehmen konnten. Unser Tagesrhythmus verschiebt sich nach hinten, die Schlafqualität leidet, es beeinflusst die Leistungsfähigkeit… und das ist dann der Punkt, an dem ich als Alltagsanteil motzig werde.
Den Begriff “Schlafstörung” zu verwenden ist immer… schwierig.
Wir hatten so gut wie nie Probleme, eine bestimmte Menge an Schlafstunden “rein zu kriegen”. Als Kind konnte man uns in den Biergarten mitnehmen, und wir schliefen tief und fest. In der Klinik damals war ein Pfleger irritiert, wenn man dem Schlaf in der täglichen Tabelle eine schlechte Note gab, aber acht Stunden geschlafen hatte. Also dachte man, man würde sich bloß anstellen. ”Schlecht geschlafen” ist etwas, was man sagen darf, wenn man nur vier Stunden hinter sich hat, oder so ähnlich. “Schlafstörung”, das ist, wenn man über einen längeren Zeitraum nur vier bis fünf Stunden schafft. Oder so.
Wir können alles zwischen sechs und vierzehn Stunden Schlafdauer vorzeigen und uns je nach Qualität topfit oder völlig überfahren fühlen. Unserem Körper ist es tatsächlich relativ egal, wie viel man schläft, solange man nicht unter fünf Stunden geht. “Aber es sind ja mehr als fünf Stunden, also liegt keine Schlafstörung vor!”
bullshit.

Der Herzmensch kann ein Lied davon singen, wie wir morgens “normal” ausgeschlafen sind: von alleine wach zwischen sechs und acht Uhr, mit der Energie eines Welpen, “gutenmorgenwasmachenwirheute?!”, …
Ich kann mich gerade nicht daran erinnern, wann wir das letzte Mal so waren.

Wir nehmen Vitamin D, nehmen Eisen, nehmen die übrigen Medikamente, … und knirschen nachts seit Wochen wieder mit den Zähnen. Dazu Träume, die … wir haben schon immer extrem detaillierte Träume gehabt und konnten uns gut an sie erinnern. Aber sie haben sich noch nie so dermaßen echt angefühlt. Teilweise so echt, dass erst gegen vier Uhr nachmittags wirklich ankommt, dass das nur geträumt war. Bei absurd-bizarren Träumen ist das ganz witzig, bei Albträumen nicht so. Energie frisst es in beiden Fällen, weil man fast jeden Morgen beim Aufwachen das Gefühl hat, schon eine ganze Woche an… nun ja, extrem bizarrer action hinter sich zu haben.
Ich zitiere jemand Kleines: das ist so unfair, jetzt muss man sich vom schlafen ausruhen?!
Durchschlafen wird auch überbewertet.
Seit zirka zwei Wochen ist “wir sollten nicht schlafen” dazu gekommen. Wie oben gesagt, unser Körper kann in jeder erdenklichen Situation schlafen, und ab einem bestimmten Punkt gibt es Hitzewallungen, Schwindel und das Gefühl, ohnmächtig zu werden. Also. Wir schlafen.
Aber halt nicht gut.
Warum schreibe ich jetzt gerade über unseren Schlaf. Ach ja.

Also nachgefragt. Weil, üblicherweise normalisiert sich der Schlaf wieder relativ flott nach den Feiertagen. Und wir haben nichts an unserer Abendroutine geändert.

… und prompt wieder vergessen, worum es eigentlich ging in ihrer Antwort…
slurp, und weg ist es. Bloß keine Zusammenhänge herstellen. Dass jemand von ganz hinten sich in der schriftlichen Konversation einmischte (“hör auf, Fragen zu stellen”), fällt auch immer wieder durch. Hätte ich das Ganze nicht schriftlich, könnte ich mich nicht einmal an die “Unterhaltung” erinnern.

Es kommt mir so absurd vor. Als würde mein eigenes Gehirn mit mir selbst Verstecken spielen, und gerade würde ich mich nur zu gern den Menschen anschließen, die sagen, solch komplexe unbewusste Vorgänge seien unmöglich. Schlafstörungen, weil nach über zehn Jahren ohne Gewalt von Damals jetzt auch mehr an “innerem Ausstieg” erfolgt?

Ich meine, es ergibt Sinn. Auch mit gescheiterter Anzeige und Wegzug bestand immer die Möglichkeit, zurück zu kehren. Theoretisch besteht sie immer noch… Aber Testosteron, eine Namensänderung, ein Studium mit vergleichsweise realistischen Berufs- und Abschlussaussichten (oder, sagen wir: realistischer als beim letzten…), ein Wegzug, Hochzeitspläne
Das ist so viel Veränderung im Vergleich zu dem Kind, das man mal war. Und so viel Abweichen von dem, was manchen im System als “richtig” eingebläut wurde: etwas Hübsches studieren (erfolgreich, aber bitte nicht zu sehr!), den langjährigen sehr heterosexuellen cis Freund heiraten, der Jura/Medizin/BWL studiert, zusammen ziehen, heiraten, ein paar Jährchen zum Schein arbeiten, dann brave Hausfrau spielen, Kinder kriegen, … und nebenher selbstverständlich Kontakt zu Täter:innen halten und pünktlich zum Kaffeekränzchen aufschlagen. Oder zumindest in Reichweite fürs Kaffeekränzchen sein. Schön unauffällig sein. Nicht queer, nicht politisch, nicht offen behindert, und schon gar nicht trans und mit der Vereinbarung, dass Verwandte und Freund:innen die Adresse nicht kennen – oder nicht weitergeben, sollte jemand fragen. Ich glaube, für manche Täter:innen lebten wir zwischendurch offiziell sogar in einer anderen Stadt.

Wenn man nach außen hin so sehr abweicht, ist vermutlich jedem Deppen klar, wie es innen zum Großteil aussieht und wie unsere allgemeine Haltung zum Thema “let’s go back!” ist.
Und es wird immer… standfester? sichtbarer? vielleicht auch endgültiger. Selbst wenn alle anderen Zukunftspläne scheitern… – Eventuell ist da irgendwann dieses Jahr ein biologisch weiblicher Körper mitten in beziehungsweise nach der männlichen Pubertät. Und je nach dem, was für Ideologien und kinks da so hinter den Täter:innen-Kreisen stehen, ist das nicht brauchbar. Für manche, definitiv. Für die Bereiche, aus denen wir spezifisch kommen – hell no, da könnte man sich auch direkt anzünden. Wenn Tätowierungen für manche im System schon grenzwertig sind…
Aber: diese Entscheidung wurde getroffen. Demokratisch und mit Rücksicht auf die, die eben den Großteil der Zeit fronten. Mit Rücksicht auf die Wünsche der Kleinen, mit Rücksicht auf dieses und jenes… Und ohne Rücksicht auf mögliche Wünsche der Täter:innen. Dass da jetzt, wo das Ganze realistisch erscheint, Protest kommt, ist logisch.

*seufz

Von außen gesehen tun wir nichts, was aus der Reihe fällt. Nur ein bisschen Leben leben und Entscheidungen treffen. Deswegen kommt es mir ja auch so absurd vor, dass die Reaktion darauf Schlafstörungen sein sollte. Der Herzmensch achtet darauf, dass man isst, also geht das Gehirn unbewusst zu Schlafentzug über? Ja nee, is klar.

Anyway. Weiter machen. Testen, ob cbd beim Schlafen hilft, um das “Körper kippt von selbst um”-Phänomen zu beschleunigen und die Träume leichter werden zu lassen. Wenn das nicht hilft, können wir den Termin beim Psychiater verschieben und nach dem einen Medikament fragen, das vor ein paar Jahren half. Oder Melatonin. Whatever.
Und reden, reden, reden. Und sich weiter weigern, den Blog zu löschen, wie manche es gern hätten. (Denn in einem geschützten! Post Fotos vom Gesicht zu zeigen ist auch… eine Abweichung.)

Ausstieg ist nicht immer Türenknallen, Koffer packen, Nummern löschen. Manchmal ist es auch einfach… weiter Alltag machen.

“nicht ganz live, aber definitiv in farbe” ist als passwortgeschützter beitrag veröffentlicht.
grüße. dasselbe passwort wie beim letzten mal.

nachtrag: … ich bin wieder da und habe Kopfschmerzen des Todes. So langsam gebe ich es auf, irgendjemandem im System zu sagen, was gut wäre oder nicht in Sachen Privatsphäre/Datenschutz… Macht ja eh jede:r, was man will. Sturköppe. 😉 – A.

Bisher fühlte sich der Lebenslauf an wie eine Unmenge an Versatzstücken, die zusammen genommen alle keinen Sinn ergeben.

Bis ich im job interview sitze und mit dem Oberarzt verschiedene Forschungsansätze erörtern kann, meine Erfahrung mit bestimmter Software (dem ex-Job zu verdanken) gut ankommt, und das Wissen zu Studienaufbau und Datenerhebung aus dem ersten Studium plötzlich ein positiver Faktor ist. Trotz Abbruch. Der ex-Job hatte nichts mit dem Studium zu tun. Beides hat nichts zu tun mit dem, was man jetzt macht.
Aber es passt. Wir haben eine Nische gefunden, in die wir mit unserem Wissen passen könnten. Wenn wir in den nächsten Jahrzehnten noch herausfinden, wie man eine Brücke schlagen kann zum jetzigen Gebiet… I am a hoe für transdisziplinäre Forschung, und erst im Gespräch merkte ich, wie sehr ich es vermisst habe – gedanklich Variablen durchgehen, das Studiendesign betrachten, das Ganze weiterdenken.

Es wäre der perfekte Job. Könnte zumindest der perfekte Job sein, wenn es wirklich so wird wie geschildert.

Nur dass ich mit dem aktuellen Job mit 40h/Monat auf 440 Euro komme, und mit diesem mit dem veranschlagten Zeitaufwand pro Woche auf 380. Der Zeitaufwand ist nicht festgelegt, aber der Stundenlohn ist es, und der ist uns für die selbstgesteckten Ansprüche zu gering. Und 380 Euro pro Monat werden nicht reichen, es tut mir leid.
Bis mir wieder einfällt, wieviel von der jetzigen Arbeit man nach Hause schleppt. Wie entspannt selbstständiges Arbeiten auf der Station sein könnte. Wie glücklich die Mitarbeit bei Studien macht(e). Es ist eine Kosten-Nutzen-Rechnung, und gerade lande ich nur bei der Lösung, ganz vorsichtig nachzufragen, ob in Anbetracht unserer Erfahrungen nicht mehr Geld pro Stunde möglich wäre, oder wie fest der Zeitaufwand ist beziehungsweise ob es da Beschränkungen gibt.
Falls sie uns wollen. Darüber kann man nachdenken, wenn der Bescheid da ist.

Und das wiederum ist etwas, das sich anfühlt wie Luxus: entspannt sein im Vorstellungsgespräch. Nicht verzweifelt da sitzen und durch jeden Reifen springen müssen. Einen Job möglicherweise rein aus finanziellen Gründen ablehnen können.

Nach dem Rauswurf haben wir mit mit 8.84€/h angefangen. Mindestlohn. Jetzt zu sagen, dass neunfuffzich pro Stunde eigentlich zu wenig ist, ist Luxus.

Oder Freiheit. Wie man’s nimmt.

but when I was sixteen / I wasn’t afraid at all

Hach je.
Ich sitze immer wieder hier mit zig verschiedenen Entwürfen, Ansätzen, Gedanken. Es gab einen Text, der schon fertig war und relativ in die Tiefe ging… und dann hat WordPress ihn verschluckt. Nicht ganz, aber eben die zwei Drittel, die beim Schreiben am anstrengendsten waren. Murphy und so.
Gleichzeitig wollte ich aber auch nicht die ganze Zeit den letzten Text stehen lassen, der… nun ja. Ein einziger, großer Tobsucht-“Ich will aber!”-Anfall war.
(Am Abend haben wir aber beim Lieblingsjapaner Kimchi Shoyu Ramen abgeholt. Die eine Kellnerin hat mich sogar nach x Monaten Pause erkannt und liebe Grüße an den Herzmenschen bestellt, der ein bisschen verschreckt außer Sichtweite stand ❤ Wir waren zeitweise so oft da, dass fast alle Teilzeitkräfte im Laden unsere Standardbestellung auswendig kennen…)

Ich kann nicht viel sagen, wenn jemand fragt, wie es uns geht. So um den sechsten herum waren wir einfach nur dünnhäutig, müde und “The Big Sad”. Viel Fatigue, Kopfschmerzen, bla.
Allmählich rappeln wir uns wieder auf. Heute morgen um acht an den Schreibtisch gesetzt und dann mit dem Kommilitonen via zoom fast zweieinhalb Stunden Chemie gelernt, eben mit Hund und Herzmensch ein Paket abgeholt, und jetzt bin ich zwar müde, aber… ich habe noch genug Energie und “Haut”, um für unsere kleine Schwester da zu sein und später noch ein bisschen Sozialkrams zu machen. (Selbstverständlich virusfreundlich. Also… beschränkungenfreundlich. Nicht freundlich zum Virus selbst…)
Die 2.0 aus Statistik vom alten Studiengang wurde angerechnet, woop woop!
Außerdem habe ich mir gestern mit dem Geld, das Mama extra dafür überwiesen hat, ein top agrar Studi-Abo bestellt. Schaun mer mal, wie das so ist…
Der Kontostand sieht auch deutlich hübscher aus (jaja… weil der Herzmensch diesen Monat die Miete gezahlt hat… aber trotzdem!), und wir haben nächste Woche ein Vorstellungsgespräch. Mal sehen, wie es wird. G’tt sei Dank sind wir ja in der Position, einen sicheren Arbeitsplatz zu haben und dementsprechend wählerisch sein zu können… und sind auch deutlich selbstbewusster, was die ganze “In meinem Ausweis steht (deadname) und ich sehe teilweise noch weiblich aus. Wie ist das, wenn ich im Optimalfall ab Februar die Hormontherapie anfange und ab August die Namensänderung beantragen kann?”-Sache betrifft.
(Der erste Chef nach dem Outing hatte am Telefon immer ein sehr verwirrtes “Frau äh Herr… äh…”. Bei der jetzigen Stelle wird konsequent geduzt, unser richtiger Name verwendet, und für Kolleg:innen und Kund:innen sind wir Herr Soundso, Punkt. Ja, das mit dem Verwechseln passiert öfter, kann man nüscht machen... Manche Kund:innen verstehen es, manche nicht. Kommt halt mit der Zeit und dem passing… und so lange niemand offen feindselig ist oder Blödsinn redet, passt ja auch alles.)
(Dazu eine Situation bei einer Kundin:
Kundin hat wegen der Auftragsdauer im Büro angerufen, ob wir verlängern/verkürzen können, irgendwie so was, wieviel das kosten würde. Ich hatte ihr erklärt, dass ich das mit C im Büro abklären kann, aber sie möchte das lieber persönlich machen. C wiederum – jetzt am Handy der Kundin – möchte mit jemandem von uns vor Ort Rücksprache halten, wie es aussieht und wie wir die Lage einschätzen.
C: “Ist denn da jemand gerade bei Ihnen in der Nähe?”
Kundin: “Ja, hier ist so eine junge Dame… Junge Dame, wie heißen Sie denn?”
Ich (zum zweiten Mal an dem Tag): “Ich bin der Herr Soundso.”
Kundin: “Ja, hier steht eine Frau Herrsoundso…? Ach, ich geb Ihnen mal das Telefon!”
C am Telefon, prustend: “Na! Junges Fräulein? Wie läuft’s?”
Ich: “Ja hervorragend.”
Nuja. War auf jeden Fall was Neues!)

Wir hängen nach außen hin also irgendwo zwischen Klausurvorbereitung, Vorlesungen, Haushalt, und Arbeitskram (oder eher gesagt: Chefin fragen, wann sie uns denn wieder braucht, weil… Geld wär schön… beziehungsweise mit dem Herrn Doktor mailen und nebenher nach weiteren Jobs schauen).
Nächste Woche stehen ein paar Termine mit dem Herzmenschen an, weil seine Betreuung im Urlaub ist, dazu das Vorstellungsgespräch und Vorlesungen und Arbeit (uff).

Innen… weiß ich auch nicht. Alles läuft parallel, niemand redet wirklich miteinander abgesehen von kurzem Informationsaustausch. Staffellauf, sozusagen. Seit November?
Auf der anderen Seite bin ich erleichtert, dass nicht mehr “The Big Sad” vorherrscht und man nicht weiß wohin vor Frustration, bis wir einfach… unerträglich werden für alle Beteiligten.
Es ist nichts Halbes und nichts Ganzes.
Da ist Widerstand, was Kommunikation betrifft. Braucht man nicht, will man nicht, das verstärke nur die Dissoziation, dann würde man sich wieder nur über die DIS definieren, nicht notwendig. Hm.
Das, was ich mitbekomme, sind Monologe und Gespräche. So leise und gedämpft, dass ich sie kaum verstehen kann. Oder Satzfetzen, die immer und immer wieder wiederholt werden, ich aber nicht einordnen kann. Es könnte alles sein. Irgendwo aufgeschnappt, irgendwo gelesen, was weiß ich, google spuckt nichts aus.
Dann wiederum ist da Widerstand aus dieser Ecke, was die transition betrifft. Darüber reden will man nicht, das Einzige, was ich herausfinde, sind Aussagen à la “das ist gegen die Natur/gegen G’tt/gegen…”.
Mh-hm. Weder biologisches Wissen noch Theologie helfen da. Was mir eigentlich klar sein sollte… Ich habe mich zu Anfang der Pandemie damit beschäftigt, wie man am besten mit Verschwörungstheoretiker:innen, Sektenmitgliedern, … umgeht. Reine Gegenrede bringt nichts. Das Einzige, das wirklich Wirkung zeigt, sind Aufmerksamkeit und Zuneigung nahe stehender Personen. “Ich sehe dich und deine Angst”, und danach kann man vorsichtig versuchen, die Weltbilder anzustupsen.
Die Vernunft sagt: na, dann wende diese Methode doch auf diese Anteile an, ganz einfach., und ich friere ein. Es geht weder vor noch zurück.

Ein paar haben Fotos gemacht, vom Gesicht, vom Körper. Es ist keine Selbstdarstellung, sondern Selbst-fest-halten, ich bin sichtbar, also bin ich. Immer wieder Fragen und Impulse, dass ich die hier hochladen soll. “Wenn, dann passwortgeschützt”, sage ich. Leichtes Gemotze. Dann wieder der Gedanke, dass man das doch nicht machen kann, was sollen denn die Leute denken, was soll das überhaupt, wenn ihr schon mit Bildern kommunizieren möchtet oder sichtbar sein möchtet, warum dann über den blog, … Und wo fängt “ich möchte sichtbar sein” an – und wo “ich muss alles an verfügbarer Information über mich weitergeben, weil …”?

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Teenage angst
Should have paid off well
But when I was sixteen
I wasn’t afraid at all

– Blackout Problems, Germany Germany

enjoy your privileged life / cause I‘m not gonna hold you through the night

Schlafen. Aufstehen. Frühstück. Medikamente. Reddit. Tee. Im Laufe des Tages lernen, mit dem Hund gehen, das Schrittpensum voll machen, meditieren, je nach Energie was an Sport machen. Mal das Ganze mit dem Herzmenschen, mal nicht. Weiter lernen. Lesen. Videos schauen. Ins Bett. Serien schauen. Schlafen.
Rinse and repeat.

Wir gehen unter. Ganz langsam, ganz schleichend. Ich denke, dass das Depression ist und ich dagegen ankämpfen muss, und will lachen, weil… ich mich wie eine Pflanze fühle, die nicht genug Wasser bekommt.
(Also so wie meine.)

Unser Bewegungsradius ist Wohnung Supermarkt Feld. An abenteuerlichen Tagen fährt man in die Stadt, um Bargeld aufs Konto einzuzahlen. Oder geht mit dem Hund bis zum Bauernhof.

Das ist verfickt privilegiert, wenn man überlegt, wie vielen anderen Menschen „selbst das“ nicht möglich ist. Weil sie das Haus nicht verlassen können, weil sie mitten in der Stadt leben, weil sie nicht zwei Zimmer haben, in die man sich bei Bedarf zurück ziehen können. Wir haben Struktur, sobald die Uni wieder los geht, und die Arbeit. Wir können das Haus verlassen und uns in unserem Viertel frei bewegen. Das ist verdammt viel.

Und trotzdem nagt es ganz allmählich, ganz langsam an den Nerven. Wir sind zum ersten Mal in unserem Leben vergleichsweise „isoliert“ und können die Menschen, die wir in den letzten Monaten wirklich gesehen haben, abzählen. Wenn man Ärzt:innen und Arbeit mit raus nimmt, an einer Hand. Jammern auf hohem Niveau – Freund:innen, die zum Beispiel an Schulen lehren, wären froh über so wenige Kontakte…

Wir sind kein Mensch, der wochenlang in der Wohnung sitzen und damit glücklich sein kann. Wir sind nicht introvertiert. Definitiv nicht. Und ganz, ganz langsam wird man unruhig. Gereizt. Will schreien. Es gäbe so viel, das man tun könnte, aber ich will nicht, ich will am liebsten die ganze Zeit schlafen. Nicht, weil Leben furchtbar oder anstrengend wäre, sondern weil…
ich weiß auch nicht. „Passiert doch eh nichts.“ (Das stimmt nicht. Das weiß ich auch.)
„Das hier“ geht mir an die Substanz, so gut und richtig es auch ist.
Wir vermissen die stundenlangen Diskussionen bei den politischen Treffen. Selbst, wenn man sich danach noch drei Tage lang über xy aufregt. Oder ein Studium, bei dem man tatsächlich im Hörsaal sitzt, die Dozent:innen sieht, die Leute trifft, mit denen man studiert. Wir vermissen es, Städtetrips (oder gar Urlaube im Ausland!) zu planen. Wir sind am glücklichsten, wenn wir eine Woche Zeit haben, um eine unbekannte Stadt zu Fuß erkunden zu können, am liebsten mit gemochten Menschen, am Abend völlig erschöpft, aber voller neuer Eindrücke. Ich hibbele jetzt schon auf die beiden Termine bei der Endokrinologie hin (einmal für den Herzmenschen, einmal für mich), weil man dann in die nächste Großstadt kommt.
Wir vermissen es, uns mit Freund:innen in Cafés oder im Park zu treffen. Anderen Menschen bei Ballspielen zuzusehen. Selbst Kino – das wir eigentlich hassen, weil man da so lange still sitzen und sich auf genau eine Sache konzentrieren muss – klingt gut. Fuck, ich vermisse das Meer. Ich würde mich sogar über einen Tag in der Heimatstadt freuen. Ohne jemanden von der Familie zu sehen, allein dieses … woanders sein würde reichen. Ich vermisse sogar die Clubs und Kneipen der Heimatstadt. Oder die Jugendzentren und Pubs, in denen wir auf Bühnen standen. Stundenlang mit Zug und Bahn in irgendein Dorf am Arsch der Welt fahren, um mit ein paar anderen Menschen Texte vorzutragen.

Gleichzeitig verursacht selbst der Gedanke, nachher mit dem Hund um den Block zu gehen, Angst. Nicht mal wegen der Pandemie. Man könnte die Regeln ausreizen, könnte durch die Stadt wandern, aber allein die Vorstellung macht mich panisch. Ich weiß nicht, warum.

Also weiter kreisen. Lernen, aufräumen, Videos schauen, lesen, mit Menschen schreiben. Und morgen wieder. Und übermorgen. Und überübermorgen.
Wenn man sich ganz krass fühlt, hat man eine live-Vorlesung, anstatt wie momentan die audio files der Chemievorlesungsreihe „nachzuhören“.
Wie hart privilegiert wir sind.

Manchmal erwische ich mich bei dem Gedanken, wie gut es sich anfühlen muss, Corona-Leugner zu sein – scheiß auf Regeln, keine Masken, nicht drüber nachdenken, wen man wie treffen kann oder darf. Das muss sich unfassbar befreiend anfühlen. Dazu das „boah fuck, ich habe Recht und weiß mehr als alle anderen“. Während der Rest der Welt im Ausnahmezustand verharrt (oder zumindest im Blick behält, nicht wieder hinein zu geraten), geht man munter feiern.
Als wäre man neidisch auf den Mensch im psychotischen Schub. Er glaubt selig, er sei allmächtig, und man selbst weiß, man ist es nicht.

Also weiter Runden in der Wohnung drehen. Wohnzimmer Schlafzimmer Küche repeat. Daran denken, dass man ja noch mit dem Hund muss. Ich fühle mich beim Blick nach draußen wie die Gallier, die Angst haben, ihnen könne der Himmel auf den Kopf fallen. Und muss lachen, weil, wie absurd ist es bitte, sich nach so viel Draußen und Neuem zu sehnen, und Angst zu haben, wenn man die Wohnung verlassen soll?!

Augen zu.
In Gedanken wieder im Regen durch Rom laufen und auf dem Kopfsteinpflaster fast ausrutschen, die verrücktesten Eissorten in dieser einen Eisdiele probieren, dem Lateinlehrer zuhören, wie er von Kaisern und Architektur spricht.
Wieder in den Gassen des kleinen Dorfs in der Nähe von Nizza. Ms Bruder, der La vie en rose summt. Mit M auf dem Dorfplatz tanzen. Lavendeleis.
Wieder in Ligurien sein. Sich mit wildfremden Pferden und Ziegen anfreunden, und frittierte Zucchiniblüten essen in einem winzigen Restaurant am Ende einer Dorfstraße, bei dem man nichts bestellen kann, sondern das bekommt, was an diesem Tag da ist. Spaghetti mit Trüffeln und frisch geschlachtetes Wildschwein bei einer Familienfeier –
der Duft der Rosen im Vestalinnentempel in Rom –
der Geschmack frischer Austern direkt vom Felsen in der Bretagne, Meersalz auf den Lippen, –
schwarzer Sand zwischen den Zehen und Sonnenbrand auf der Nasenspitze auf La Palma. Die zugelaufene Katze, die sich nachts um den Kopf legt und schnurrt –
Fladenbrot in der Nähe des Strands von Djerba –
der Grasgeruch in den Straßen von Amsterdam, und pannekoeken in Katwijk –
wieder zurück in das Museum in Thessaloniki…

wieder zurück in diese eine urchristliche Kirche in Rom…
wieder zurück wieder zurück, ein Abstecher im Vatikan, ganz oben auf dem Petersdom –
egal, dass London und Paris aus dem Gedächtnis gelöscht sind, einfach weiter bis zum Elsaß und dort Flammkuchen essen –
am Küchentisch in der kleinen Wohnung in Berlin zusehen, wie die Sonne aufgeht und auf die Liste schauen, die Sam für uns alle gemacht hat: alle Sehenswürdigkeiten mit Adresse und Öffnungszeiten, die man für diesen Tag geplant hat…

Erinnerungen. Ein ganzer Schatz davon. Ich halte sie fest, fest, fest. Wer hätte gedacht, dass all das Fernweh der Eltern einmal eine Ressource sein könnte. Der Herzmensch sagt, das kursive sei so kitschig, dass er ein bisschen in seinen Mund gekotzt hat, aber pf. 😀

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Enjoy your privileged life
‚Cause I’m not gonna hold you through the night
We said our last goodbyes
So, let’s just try to end it with a smile

– The Weeknd, Privilege

connecting the dots

Gestern:

Was, wenn jeder Fortschritt nur Dissoziation ist? Wenn wir eines Tages da stehen, mit all den erlernten Fertigkeiten und Fähigkeiten, und feststellen: das ist wieder nur Fassade, und irgendwo hinten… ist nichts besser?

Wie kann man auf der einen Seite damit leben… und auf der anderen Seite studieren, eine glückliche Beziehung führen, Freundschaften haben? Wenn wir “okay” sind, sind wir dann wirklich okay, oder dissoziieren wir nur?

(Warumwollensieunsnichtzurück?)

Was, wenn all diese Ideen von Zukunft und “es wird besser” und “Heilung” (so weit wie eben möglich) nur eine Illusion sind?

Was, wenn wir uns das alles nur einbilden? Es tut mir so leid, dass sie uns glaubt. Es tut mir so leid. Ich wünschte, ich könnte ihm eine Nachricht schreiben. Dass ich ihn vermisse, und dass es mir leid tut… Ich habe immer noch seine alte Nummer. Sie war fast identisch mit meiner alten. Ich könnte sie ihm geben, und wir könnten telefonieren, und ich würde mich entschuldigen. Wie unverschämt und fies ich war, dass wir ihm nie gesagt haben, (…)… Und mich bedanken für (…). Das ist doch auch nicht selbstverständlich. Aber am wichtigsten ist das “Ich vermisse dich”. Das ist wichtig. Vor ein paar Tagen habe ich seinen instagram-Account gesehen. (…) Ich müsste nur schreiben, dass ich ihn vermisse, und dann würde er mich abholen, bestimmt.

(Warumwollensieunsnichtzurück?)

Dieser ganze Text vorhin, mit den Träumen, das ist alles Blödsinn. Als hätte alles eine tiefere Bedeutung! Oder der geschützte Text – Gott, da ist mal wieder die Fantasie durchgegangen. Überhaupt, warum beschäftige ich mich gerade jetzt mit so etwas? Es gibt so viel Besseres zu tun.

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Ich weiß nicht, wie viele genau diesen Text verfasst haben. Nur, dass die, die über ihn schrieb, alles andere durchstrich. (Denn, wie man weiß: wenn man die Sätze anderer Anteile durchstreicht, hat man auch keine Anteile mehr. Mh-hmm.)
Danach griff sie zum Handy mit dem Ziel, ihm eine sms zu schreiben: “ich vermisse dich”.
Plot twist… Ivy hatte uns nach etwas gefragt, beim Handy entsperren öffnete man Ivys Nachricht automatisch, und klack klack klack, K und R waren da um zu “helfen” und realisierten erst fünf Minuten später, warum man das Handy in der Hand hielt (denn eigentlich wollte doch jemand…).

Wir fühlen uns… verarscht. Vom eigenen Gehirn. Denn ja, klar, es gab seit fast sechs Jahren niemanden mehr an der Front, der ihn vermisste. Da kann es natürlich passieren, dass da was doch durchbricht. Aber… nach fast sechs Jahren? Nachdem wir immer und immer wieder mit Anteilen gearbeitet haben, die in ihm einen “guten” Menschen sahen und ihn ehrlich vermissten? Nachdem mittlerweile bei so gut wie jedem im System angekommen ist, was Fassade war und was nicht? Auch dieses “das ist alles fake und er ist so lieb” gab es seit Ewigkeiten nicht mehr…
Also, klar. Ich könnte mich jetzt hinsetzen und sagen, ja nu, vielleicht hat man da wen übersehen. Vielleicht hüpft doch noch irgendeine Dreizehnjährige durch die Gegend, die ihn ganz toll findet, weil… Freiheiten und so.
Aber… vor dem Hintergrund, dass wir mittlerweile von jemandem von “hinten” wissen, dass dieses “ich vermisse dich” etwas ist, das man schreiben soll? Ähm. Sieht das dann irgendwie ein bisschen anders aus. Als wüsste die eine Hand nicht, was die andere tut, aber jemand weiß, wohin es führen soll.
Ich weiß ja nicht einmal, ob es für allgemeine Kontaktaufnahme stehen soll (wäre dann ja passend, logisch) oder wirklich spezifisch für etwas à la “hallo, hier ist jemand, der sich abholen lassen würde”. Die einen sagen dies, die anderen das. Eigentlich ist das auch egal, weil… egal, wie er es verstehen würde, eine Kontaktaufnahme mit ihm würde im besten Fall zu maßlosen Triggern oder gar einer “Aussprache” (Utopie olé), und im schlimmsten Fall zu neuen Traumata führen.
“Komm, du bist zu Besuch, bleib doch ein paar Tage. Oh, beim letzten Besuch ist nichts passiert, lass uns doch mal woanders hin fahren. (…)” Und rein in die Abwärtsspirale. Ganz ehrlich… Selbst wenn wir für niemanden von damals mehr interessant wären, wäre ein Kontakt mit ihm nicht gut. Ich kann ihn förmlich vor mir sehen, wie er anfängt zu weinen, weil wir so, so böse waren, den Kontakt abgebrochen haben, und G’tt, er wollte doch immer nur unser Bestes, niemand versteht ihn, …

er versteht nicht, dass… selbst wenn man sein Verhalten anderen gegenüber aus der Gleichung entfernt – oder die sexualisierte Gewalt – und den ganzen Rest, die Ausflüge und all das – selbst dann wäre er niemand, mit dem wir Kontakt haben möchten. Selbst wenn ich mir all das nur ausgedacht hätte, und von anderen manipuliert wurde… reicht mir sein damaliges Verhalten mir im Alltag gegenüber, um zu sagen, nein danke.
Das ist der Punkt.
Wir haben nicht deswegen keinen Kontakt mit ihm, weil er uns dieses oder jenes “angetan” hat. Das wussten wir zu dem Zeitpunkt des Kontaktabbruchs ja nicht mal. Wir haben keinen Kontakt mehr zu ihm, weil wir ihn als Person halt zum Kotzen finden.
Das ist das, was man ihm mit fünfzehn versucht hat zu erklären, in einer sehr langen E-Mail. In der Hoffnung, man könnte ihn… ändern?
Er hat die E-Mail zerpflückt. Jeder Satz wurde umgedreht, jedes Gefühl, jede Interpretation war falsch. Hätte man gesagt, er habe uns geohrfeigt und die Ohrfeige habe weh getan, er hätte geantwortet, dass es ihm leid täte, dass wir diese Situation so interpretieren.
Ach ja, und dann die zahllosen sms, facebook-Nachrichten, E-Mails, … als er begriff, dass man den Kontaktabbruch ernst meint und tatsächlich nur noch wegen offiziellen Dingen mit ihm kommuniziert. Immer, immer wieder hat er versucht, persönliche Infos zu erhalten. Immer wieder beteuert, wie lieb er uns habe. Und wie unverschämt es sei, dass wir die Kommunikation auf das Nötigste beschränkten und ihm sagten, mehr wolle man von ihm nicht mehr. Keine Geschenke. Keine Glückwünsche. (Nein, auch keine Gutscheine oÄ.) Bis sich das auch erledigt hatte.
Er ist die Personifikation von Egozentrik, die versucht, sich Liebe zu erkaufen. Das hilft dann aber eben auch nicht, wenn jeder Widerspruch und alles an Kritik ein “sorry you feel that way!” erntet.
Und da ist es egal, ob wir uns seine Taten und die der anderen ausgedacht haben oder nicht. Das haben wir uns nicht ausgedacht. Das haben wir teils schriftlich.

so viel dazu.

Da äußert sich also jemand “von hinten” dazu, dass eine bestimmte Aussage ein “code” sei, um Täterloyalität zu signalisieren. Und zwei Wochen später möchte jemand anderes ihm das schreiben und beharrt darauf, dass exakt dieser Wortlaut “wichtig” sei. (Nicht “Können wir uns mal auf einen Kaffee oder Tee treffen?”, nicht “Du fehlst”, nicht “Ich möchte zurück”. Exakt das. Nicht einmal “I miss you”, wo ein “love you” von ihm doch normal war.)

Ja am Arsch ey.

Aber ganz sicher übertreibe ich, bin paranoid, und bilde mir das alles nur ein. mh-hm.
Von daher… ist der Kopf gerade ein bisschen so wie Shane und Ryan von Buzzfeed Unsolved (copyright zum Foto gehört dazu, nicht meins, yadayada):

it all comes back threefold

Unsere Tätowierungen sind für uns Kunst. Das vor allem anderen.
In gewisser Weise sind sie auch ein Zeichen von Selbstbestimmung über unseren Körper, ein Wiedererobern trotz und vielleicht gerade auch wegen all dem, was Täter:innen einem einprügelten. Und manchmal ist es auch ein subtiler Mittelfinger an Vorurteile. Wir lieben es, wenn unser Aussehen bestimmte Erwartungen erzeugt, und wir mit zwei Sätzen all diese Ideen des Gegenübers zerstören können.

Die erste Tätowierung war ein kleines Wort am linken Handgelenk, zwei Wochen nach dem achtzehnten Geburtstag. Über den Narben, die man sich während der drei Tage auf der Geschlossenen mit 1:1-Beobachtung zufügte. Nicht aus Suizidalität, sondern weil das ständige Beobachtetwerden, der Reizentzug, der fehlende Kontakt zu anderen uns gefühlt in den Wahnsinn trieb, bis man dachte, vielleicht, vielleicht hilft es, wenn ich mir das Handgelenk aufkratze.
Die zweite eines der Lieblingstiere auf der Mitte des linken Unterarms, das immer wieder in Träumen auftauchte.

Mama guckte sich die strategische Platzierung der beiden damals an, und fing an zu grinsen. “Hält auch gut von… bestimmten Dingen ab, ne?”
”Hm?”
”Naja. Wenn du dir die Pulsadern aufschneiden willst, machst du damit die Tattoos kaputt.”
“Das… war tatsächlich mit ein Gedanke dahinter, ja.”
Wir hatten über Jahre hinweg Impulse (und haben sie teilweise immer noch), uns die Pulsadern aufzuschneiden. Wir wissen mittlerweile, wo die Bilder dazu herkommen, wir wissen, was sie auslöst. Dass die Impulse auch da sein können, wenn es uns gut geht und Suizid absurd wirkt. Eine verrückte Mischung aus Flashbacks, Indoktrination, und Schuldgefühlen. – Dass Tätowierungen, für die man Geld gezahlt hat, die man ästhetisch findet, und die man nicht wegen “so etwas Blödem” wie einem Programm verhunzen möchte, da helfen könnten… War dann sozusagen das Tüpfelchen auf dem i. Tätowierungen wollte man nämlich sowieso. Wenn sie den Kampf gegen diese Impulse erleichtern, fuck, klatsch mir den ganzen Unterarm voll.

Drei Jahre nach der ersten Tätowierung haben wir drei kleine bis große Schriftzüge unter der Haut, ein kleines Muster, das Lieblingstier, und der rechte Arm ist zu drei Vierteln bedeckt mit einem sleeve aus Motiven, die manchen von uns wichtig sind. Wir haben gelernt, dass Club Mate, Zimtbrötchen und Lesestoff für die Uni gut sind, wenn man fünf bis acht Stunden am Stück unter der Nadel liegt. Wir haben gelernt, dass wir während des Tätowiertwerdens fast schon einschlafen können und manchmal geradezu angenehm wolkigweich schweben. Ein Zustand, den man sonst nur von guten BDSM-sessions kennt.
Das Stechen über alten Narben, und seien sie noch so haarfein und kaum sichtbar, brennt wahnsinnig. Wir haben gelernt, dass Tätowiertwerden keine Anfälle auslöst wie bei manchen anderen Epileptiker:innen, dass der Ellbogen eine beschissene Stelle ist, und uns wurde schon zweimal vom Lieblingstätowierer angeboten, die Narben auf dem linken Arm zu covern. Vielleicht, eines Tages, werden wir sogar die vernarbten Oberschenkel überstechen lassen. Mit Blumen, vielleicht.

Vor zwei Tagen haben wir geträumt, vom einen Handgelenk über den Arm hinweg bis unter die Schlüsselbeine Buchstaben tätowiert zu haben. Auf beiden Seiten, sodass sich eine Kette an Buchstaben über die Drosselgrube von Handgelenk zu Handgelenk zog. Manche Buchstaben stammten aus dem lateinischen Alphabet, manche aus dem griechischen, manche erinnerten an das russisch-kyrillische. Es sah schön aus, hatte aber gleichzeitig etwas an sich, das uns verstörte.
“Sieht aus wie ein Ouija-Brett”, bemerkte man im Traum. Nach dem Aufwachen stellten wir fest, dass die geträumte Tätowierung unmöglich wäre. Der Großteil der Stellen ist schon schwarzgrau schattiert, und im Traum waren unsere Arme komplett “nackt”.
Heute Nacht ersetzte im Traum ein vierzeiliger Schriftzug den Tierkopf auf dem Unterarm. Irgendetwas Biblisches. Anstatt wie sonst bei Selbstverletzungen sorgfältig darauf zu achten, dass man die Kunst nicht zerstört (weswegen komplett tätowierte Arme und Beine unser Ziel sind, als “Hindernis” an schlechten Tagen), versuchte jemand, den Schriftzug bis zur Unkenntlichkeit zu zerschneiden.

Das, was uns (jaja, entgegen all der Gebote, looking at the torah here, sorry!) geradezu heilig ist, wurde in den Träumen zu irgendetwas anderem verdreht. Ich weiß nicht einmal, warum diese Träume mich so beschäftigen, und warum ich so einen Text schreibe. Wenn man über neue Motive nachdenkt und sich schon auf den Zeitpunkt freut, wenn die Pandemie so im Schach (oder “weg”) ist, dass man sich etwas Neues stechen lassen kann, ist es kein Wunder, dass man irgendwann von etwas so Persönlichem träumt. Nach außen hin wirken sie völlig trivial. Pf, wir hatten auch schon Albträume von Schneemännern, und die haben keine besondere Bedeutung in unserem Leben.
Aber es war falsch. Und die Tätowierungen in den Träumen kamen nicht von uns, egal, wie “schön” wir sie vermeintlich fanden. Sie dienten genau dem entgegen gesetzten Zweck. Als hätte man alles auf den Kopf gestellt und das an Trauma, dem wir mit Kunst, Autonomie, und Ästhetik etwas entgegen setzen, wortwörtlich unter die Haut gebracht.

Ja nö. Nix da.

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“Give me the control. Sign on the dotted line. Give me the control.”, she whispered softly. “Give me the control.” You’re crawling inside my mind. (Give me the control.) Don’t you fight me…
As above, so below: what you reap is what you sow, what you give comes back three fold, as above, so below.
– In this moment: As above, so below